Wildnis Watt
MULTIMAR WATTFORUM
von Hendrik Neubauer
Die Wattwanderung gehört seit jeher zum Urlaub an der Westküste wie das Krabbenpulen. Der Schlick matscht so schön und Wattwürmer suchen ist auch eine schöne Sache. Wenn wir dann der Flut entkommen sind, wird die Nordsee für uns wieder zur grün-blauen Dunkelkammer. Licht in dieses Dunkel bringt das Erlebniszentrum Multimar in Tönning. Die Besucher erfahren hier jede Menge Wissenswertes über das Wechselspiel zwischen Ebbe und Flut.
Der Eingang zum Nationalpark
Tönning liegt auf der Eiderhalbinsel, ungefähr auf halber Strecke zwischen Hamburg und Sylt. Seit Eröffnung des Multimars 1999 steuern immer mehr Besucher das beschauliche Städtchen an der Eider mit den gemütlichen Fischerhäusern rund um den Hafen an. Hier wird noch, auf einer der letzten kleinen Werften ihrer Art, der Holzschiffbau gepflegt. Die Krabbenkutter an der Mole bieten einen malerischen Anblick. Die Hauptattraktion des Ortes liegt aber im Deichvorland: das Multimar Wattforum. Heute ist das Zentrum zu einer Art Eingang zum Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer geworden, das sich da hinten bis zum Horizont auf 24.564 qkm erstreckt. Und die Skeptiker unter den Friesen hätten niemals gedacht, dass der Naturschutz Tönning über 200.000 Tagesbesucher im Jahr beschert.
Über eine Art Anleger erreichen die Besucher vom Deich aus das Forum, das sich in seiner Hallenarchitektur mit großen Glasflächen licht und offen präsentiert. Während wir in den gutbesuchten Bauch des „Schiffes“ steigen, schlägt uns schon der „Roar“
der Begeisterung entgegen. An Großkampftagen, wie zum Beispiel Schlechtwettertagen in den Sommerferien, ist das hier nichts für zartbesaitete und ruhesuchende Seelen. Eingenordet wird der Besucher durch das Tidebecken. Und hier scheiden sich auch gleich die Besucherseelen. Der Schlenderer wird nur einen kurzen Blick darauf werfen, der Forscher hingegen wird während seines Aufenthaltes immer mal wieder zurückkehren, um en miniature die Gezeiten zu entdecken – als amphibische Fläche, die bei Hochwasser überflutet wird und bei Niedrigwasser fast vollständig trockenfällt.
Der Tross ist unterdessen schon längst weitergezogen zu den Aquarien. Das Besondere liegt hier im Gewöhnlichen; in den Becken schwimmen mehr als 250 Arten Fische, Krebse, Muscheln und Schnecken, die auch im Wattenmeer selbst zu Hause sind. Wer nur mit den Auslagen von Feinkostgeschäften vertraut ist, staunt: Krebs ist nicht gleich Krebs. Hier können 40 verschiedene Arten entdeckt werden. Seestern ist nicht gleich Seestern. Rot, orange, violett und weiß leuchten die 15 verschiedenen Arten im Nationalpark. Die Steinkrabbe wirkt mit ihren langen Beinen bizarr und gefährlich, aber sie hat nur kleine Scheren, mit denen sie Muscheln knackt. Geschickt versteckt sich die Gespensterkrabbe. Sie verteilt Algenstücke auf ihrem Körper und lässt sie dort weiterwachsen. Besonders putzig ist die Begegnung mit dem Hippocampus – besser als Seepferdchen bekannt –, die in diesen Breiten fast schon ausgestorben waren und die hier nachgezüchtet wurden.
„Papa, ich bin schneller als ein Grünschenkel!“ Dieser gellende Freudenschrei erreicht nicht nur „Papa“, der nebenan aus seiner meditativen Phase bei der Betrachtung eines Rochens aufschreckt. Die Mitmach-Stationen wie das Ergometer, auf dem man die eigene Geschwindigkeit mit der von Meerestieren messen kann, erfreuen sich großer Beliebtheit. Ein Stück weiter drehen sich ein paar Jugendliche gerade eine ordentliche Brandung: Mit einer Kurbel kommt das Wasser in Wallung, und die Wellen schlagen über Strandschnecken, Seesternen und Einsiedlerkrebsen zusammen. Im Labor darf man mikroskopieren, was aber der Anmeldung und Anleitung bedarf. Und wer mehr über die Zweibeiner in dieser Region erfahren will, lernt die Friesen und deren Lebensgewohnheiten kennen. Über Kopfhörer lassen sich Kostproben friesischer Sprache einspielen.
Potpourri der Wale
Unten im Keller hat man in einer weiteren Ausstellung „den Wal aus dem Watt zurück ins Weltmeer“ geschoben. Ein 18 Meter langer Pottwal war vor einigen Jahren im dänischen Wattenmeer gestrandet - ein Bulle, etwa 45 Tonnen schwer, 25 bis 30 Jahre alt und schon geschlechtsreif. Jetzt hängt er an der Decke und wirkt so, als bahne er sich seinen Weg durch Wassermassen. Auf der einen Seite ist das Skelett freigelegt, Schädel, Unterkiefer und Zähne sind zum Anfassen nah. Auf der anderen Seite zeigt das Monstrum seine kalte Schulter; die Haut trägt deutliche Spuren eines bewegten Wallebens. Zu dieser beeindruckenden Inszenierung gehören die Kojen rundum, in denen man zum Beispiel einem Potpourri unterschied-
licher Walgesänge lauschen kann. Hauptsächlich konzentriert man sich jedoch auf das Thema Schweinswale, die im Wattenmeer heimisch sind. Die kleinen Verwandten der Pottwale haben mit einem Meter achtzig menschliche Dimensionen; mehr als 260.000 Vertreter dieser Spezies leben in der Nordsee.
„Nordsee ist Mordsee.“ Wenn die Einheimischen diesen Schnack loslassen, dann zeugt dies von dem Respekt vor dem Wasser und seinen Kräften. Genau diesen Respekt gegenüber dem Lebensraum Wattenmeer nehmen die meisten Besucher wohl mit aus dem Multimar.







Wer das Multimar mag, wird auch von dem Kystcentret in Thyborön in Nordjylland begeistert sein.
Kommentiert von: C. Berkowitz | 26. Juli 06 um 15:40 Uhr