Das Mensch Museum
Von Johannes Wendland
Ein hohes, ziemlich kahles Foyer empfängt den Besucher des Deutschen Hygiene-Museums in Dresden. Säulen, Pfeiler, hohe Fenster, weite Flächen und Treppenanlagen das Gebäude im Stil der internationalen Moderne, das 1927-30 von dem Architekten Wilhelm Kreis erbaut wurde, strahlt kühle Strenge aus. Ein eisiger Tempel der Aufklärung, so spröde und nüchtern wie der Name des Museums, das sich darin befindet?
Keine Angst. Der erhobene Zeigefinger und die dozierende Schautafel haben im Deutschen Hygiene-Museum keinen Platz mehr. Das Gebäude mit seinen beiden hochragenden Flügeln, das im barocken Elbflorenz wie ein einsames Ufo der Architekturmoderne wirkt, ist in den vergangenen Jahren gründlich saniert worden. Und im gleichen Aufwasch ist auch die Dauerausstellung rundum erneuert worden.
„Hygiene“, das klingt zunächst nach Volkserziehung und „Nach dem Stuhlgang, vor dem Essen, Hände waschen nicht vergessen“. Gesundheit und Medizin sind aber nur zwei von vielen Themen des Museums, das sich dem Menschen in all seinen biologischen, anthropologischen und kulturellen Bezügen verschrieben hat. Die Vermittlungsformen, mit denen die neuesten Forschungserkenntnisse verschiedenster Disziplinen zusammengefasst und präsentiert werden, sind so vielfältig wie der Mensch selbst. Wer lernen möchte, will nicht nur lesen, sondern auch fühlen, tasten, spielen, riechen, schmecken, hören und flippern.
Tempel der Aufklärung
Ja, flippern. Wir befinden uns im Themensaal „Sexualität“ der ständigen Ausstellung. Wie überall in der Dauerausstellung sind auch hier die Wände mit Vitrinen, Ausstellungsobjekten und Texttafeln gefüllt, während in der Mitte des Saals allerlei Gerätschaften zum aktiven Tun verführen. Darunter auch ein wunderbarer Flipperautomat der älteren Bauart. Doch statt Punkte anzuzeigen, ist er mit einem Bildschirm verknüpft. Binnen zehn Minuten und mit Hilfe von vier Kugeln, so steht zu lesen, soll der Spieler hier die physischen Vorgänge beim Geschlechtsakt nachvollziehen können. Er muss nur die Kugeln in einer festgelegten Reihenfolge an bestimmte Punkte dirigieren: Punkt 1: Erregungsphase; Punkt 2: Plateauphase; Punkt 3: Orgasmus; Punkt 4: Entspannungsphase. Ist die Kugel sauber eingelocht, dann werden auf dem Bildschirm die körperlichen Reaktionen bei Mann und Frau beschrieben und gezeigt. Die erste Kugel sitzt. Die Gefühle geraten in Wallung. Durch Küsse und Berührungen wächst das Begehren. Die weiblichen Brustwarzen stellen sich auf, das männliche Glied schwillt an, die Vagina wird feucht. Die zweite Kugel liegt bereit. Doch leider geht der Versuch daneben, Punkt 2 zu treffen. Die Kugel rollt ins Aus. Pech gehabt. „Schade“, heißt es auf dem Bildschirm, „Sie sind nicht zum Höhepunkt gelangt. Dafür kann es viele Gründe geben: Stress, innere Unruhe ...“.
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